Kreuzbandriss beim Hund – Versorgungsmöglichkeiten
Akute Lahmheit der Hintergliedmaße bei Ihrem Tier – Wenn das Kreuzband reißt
Eine Kreuzbanderkrankung kann Hunde aller Rassen und Altersgruppen betreffen. Besonders häufig wird sie bei mittelalten bis älteren Hunden diagnostiziert; in einer großen populationsbasierten Untersuchung lag das mediane Erkrankungsalter bei 7,1 Jahren. In dieser Altersgruppe ist der Kreuzbandriss meist das Endstadium einer fortschreitenden Degeneration, bei der die Bandfasern über längere Zeit an Stabilität verlieren und schließlich teilweise oder vollständig reißen.
Rassespezifische Risiken und genetische Faktoren
Für verschiedene Rassen ist ein erhöhtes Erkrankungsrisiko beschrieben. Dazu zählen unter anderem Rottweiler, Neufundländer, Boxer, Staffordshire Bull Terrier, American Staffordshire Terrier, Englische Bulldogge und Cane Corso. Die genaue Risikoeinschätzung kann sich zwischen einzelnen Studien und regionalen Hundepopulationen unterscheiden; insgesamt sind große und sehr große Rassen jedoch überdurchschnittlich häufig betroffen und erkranken vielfach früher als kleinere Hunde.
Bei entsprechend prädisponierten Hunden kann eine Kreuzbanderkrankung bereits im jungen Alter auftreten. Ein junges Alter schließt eine degenerative Kreuzbanderkrankung daher nicht aus; die plötzlich auftretende Lahmheit kann den endgültigen Riss eines bereits vorgeschädigten Bandes markieren.
Dass neben Körperbau und Belastung auch erbliche Faktoren eine Rolle spielen, wurde unter anderem beim Neufundländer und beim Labrador Retriever nachgewiesen. Die Rassezugehörigkeit allein erlaubt jedoch keine Diagnose – entscheidend bleiben die klinische Instabilität des Kniegelenks, die orthopädische Untersuchung und die individuelle Beurteilung des Patienten.
Was sind die Kreuzbänder?
Wie zeigt sich ein Kreuzbandriss klinisch?
Ein Kreuzbandriss kann sich plötzlich durch eine hochgradige Lahmheit bemerkbar machen. Bei degenerativen Teilrupturen entwickelt sich die Symptomatik dagegen häufig schleichend oder tritt zunächst nur phasenweise auf.
Typische Anzeichen sind:
Wechselnde oder anhaltende Lahmheit einer Hintergliedmaße
Entlastung des betroffenen Beines im Stand
Schwierigkeiten beim Aufstehen oder Hinsetzen
verminderte Belastbarkeit bei längeren Spaziergängen
Vermeidung von Sprüngen oder Treppen
steifer Gang nach Ruhephasen
seitliches Herausstellen des betroffenen Beines beim Sitzen
Rückbildung der Oberschenkelmuskulatur
Schwellung oder Verdickung des Kniegelenks
Bei einer zusätzlichen Meniskusverletzung kann sich die Lahmheit plötzlich deutlich verschlechtern. Gelegentlich ist bei der Bewegung ein fühl- oder hörbares Klicken im Kniegelenk festzustellen.
Mit dem Verlust der Bandfunktion wird das Kniegelenk instabil: Unter Belastung verschiebt sich das Schienbein gegenüber dem Oberschenkel nach vorne und rotiert vermehrt nach innen. Diese abnorme Gelenkbewegung verursacht Schmerzen, unterhält eine chronische Entzündung und begünstigt Schäden an Gelenkknorpel und Meniskus. Unbehandelt entwickelt sich eine fortschreitende Arthrose des Kniegelenks.
Präzise Diagnostik als Grundlage der Therapie
Die Diagnose beginnt mit einer strukturierten orthopädischen Untersuchung und der Beurteilung des Gangbildes. Mithilfe des Schubladentests und des Tibiakompressionstests wird geprüft, ob eine krankhafte Verschieblichkeit zwischen Ober- und Unterschenkel vorliegt. Bei schmerzhaften, kräftigen oder nur teilweise gerissenen Kreuzbändern kann hierfür eine kurze Sedation erforderlich sein.
Röntgenaufnahmen dienen dazu, Gelenkerguss, arthrotische Veränderungen und mögliche Begleiterkrankungen zu beurteilen. Gleichzeitig werden die anatomischen Achsen und der Neigungswinkel des Tibiaplateaus vermessen. Diese Messungen bilden die Grundlage für die individuelle Planung der TPLO.
Der Zustand der Menisken und der Gelenkflächen wird im Rahmen des Eingriffs arthroskopisch oder über einen gezielten Zugang zum Kniegelenk kontrolliert. Instabile oder eingerissene Meniskusanteile können dabei unmittelbar behandelt werden.
Teilriss oder vollständiger Kreuzbandriss?
Die TPLO gehört zu den am umfassendsten untersuchten Operationsverfahren zur Behandlung der Kreuzbanderkrankung des Hundes. Vergleichende Studien und systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass sie eine besonders zuverlässige Wiederherstellung der Gliedmaßenfunktion ermöglicht. In funktionellen Langzeituntersuchungen erreichten TPLO-operierte Hunde eine dem gesunden Vergleichskollektiv entsprechende Belastung sowohl im Schritt als auch im Trab. Für extrakapsuläre Verfahren und die TTA waren die Ergebnisse weniger konsistent.
Vergleichsdaten zwischen TPLO und TTA sprechen für die TPLO: In einer Studie mit mindestens dreijähriger Nachbeobachtung zeigten TPLO-operierte Hunde geringere Einschränkungen hinsichtlich Schmerzen, Mobilität und Lebensqualität. Gleichzeitig schritt die radiologisch erkennbare Arthrose nach einer TTA stärker voran. Aufgrund des retrospektiven Studiendesigns müssen diese Ergebnisse differenziert betrachtet werden, sie unterstützen jedoch die funktionellen Vergleichsdaten zugunsten der TPLO.
Evidenz bedeutet nicht, dass jedes Kniegelenk nach demselben Schema behandelt wird. Operationsverfahren, Implantate und Korrekturwinkel werden für jeden Patienten individuell geplant. Bei geeigneter Anatomie kann die TPLO unabhängig von Größe, Rasse und Aktivitätsniveau eingesetzt werden.
Beim stehenden Hund ist das Tibiaplateau – die obere Gelenkfläche des Schienbeins – nach hinten geneigt. Bei einem intakten Kreuzband wird der dadurch unter Belastung entstehende Vorwärtsschub des Schienbeins durch das Band kontrolliert. Nach einem Kreuzbandriss kann diese Kraft nicht mehr ausreichend abgefangen werden.
Bei der TPLO wird der obere Abschnitt des Schienbeins über einen kreisförmigen Knochenschnitt mobilisiert und anhand der präoperativen Planung kontrolliert rotiert. Dadurch wird die Neigung des Tibiaplateaus reduziert und der belastungsabhängige Vorwärtsschub biomechanisch neutralisiert.
Die korrigierte Position wird mit einer speziell geformten TPLO-Platte und Knochenschrauben stabil fixiert. Bis zur knöchernen Heilung übernimmt das Implantat die Stabilisierung der Osteotomie.
Das gerissene Kreuzband wird dabei weder genäht noch durch ein künstliches Band ersetzt. Die Stabilität entsteht durch die gezielte Veränderung der Kräfteverhältnisse im Kniegelenk.
Ablauf der Operation
1. Individuelle Operationsplanung
2. Beurteilung des Kniegelenks
Zu Beginn des Eingriffs werden Kreuzband, Menisken, Gelenkknorpel und weitere intraartikuläre Strukturen kontrolliert. Geschädigte und instabile Meniskusanteile werden möglichst gewebeschonend entfernt; intaktes Meniskusgewebe bleibt erhalten.
3. Korrektur des Tibiaplateaus
4. Stabile Osteosynthese

TPLO, TTA oder Bandersatz?
Bildbeschreibung: Hier wir das Bild oder die Grafik beschrieben
TPLO – Veränderung des Tibiaplateaus
TTA – Vorverlagerung des Schienbeinkamms
Extrakapsulärer Bandersatz
Meniskusschäden beim Kreuzbandriss
Die Menisken liegen zwischen Ober- und Unterschenkelknochen und tragen wesentlich zur Druckverteilung, Stoßdämpfung und Gelenkstabilität bei. Durch die abnorme Bewegung des instabilen Kniegelenks ist insbesondere der hintere Anteil des Innenmeniskus gefährdet.
Ein bereits bestehender Meniskusriss kann die Schmerzen deutlich verstärken. Ein zunächst intakter Meniskus kann außerdem nachträglich geschädigt werden, solange eine relevante Gelenkinstabilität fortbesteht.
Deshalb gehört die sorgfältige Beurteilung der Menisken für uns zu jeder Kreuzbandoperation. Nur nachweislich geschädigte und instabile Anteile werden entfernt. Unverletztes Meniskusgewebe wird so weit wie möglich erhalten.
Nachsorge und Rehabilitation
Obwohl viele Hunde das operierte Bein bereits kurz nach der TPLO wieder vorsichtig belasten, benötigt der Knochenschnitt mehrere Wochen zur sicheren Heilung. Eine frühzeitige gute Belastung darf deshalb nicht mit einer abgeschlossenen Heilung verwechselt werden.
1. Die ersten vier Wochen
In der frühen Heilungsphase stehen Schmerztherapie, Wundkontrolle und konsequenter Leinenzwang im Vordergrund. Der Hund darf sich ausschließlich kontrolliert und auf rutschfestem Untergrund bewegen. Freies Laufen, Springen, Spielen und Treppensteigen müssen vermieden werden.
2. Kontrollierter Belastungsaufbau
Die Dauer und Intensität der Spaziergänge werden nach einem individuellen Plan schrittweise gesteigert. Gezielte physiotherapeutische Maßnahmen können dazu beitragen, Beweglichkeit, Muskulatur und koordinierte Gliedmaßenbelastung wieder aufzubauen.
3. Röntgenkontrolle
Nach vier Wochen wird die knöcherne Heilung erstmalig anhand von Kontrollröntgenaufnahmen beurteilt. Erst bei ausreichender Konsolidierung der Osteotomie darf die Belastung weiter gesteigert werden.
Die Rückkehr zu uneingeschränkter Aktivität erfolgt nicht nach einem starren Kalender, sondern abhängig vom klinischen Verlauf, dem Röntgenbefund und den individuellen Anforderungen des Patienten.
Mögliche Komplikationen
Die TPLO ist ein etabliertes, aber technisch anspruchsvolles orthopädisches Verfahren. Wie bei jeder Operation lassen sich Komplikationen nicht vollständig ausschließen.
Mögliche Risiken sind unter anderem:
- Wundheilungsstörungen oder Infektionen
- verzögerte Knochenheilung
- Implantatlockerung oder Implantatversagen
- Fraktur angrenzender Knochenanteile
- Reizung des Kniescheibenbandes
- spätere Meniskusverletzung
- fortschreitende Arthrose
- vorübergehende oder anhaltende Lahmheit
Bildbeschreibung: Hier wir das Bild oder die Grafik beschrieben
Spezialisierte Versorgung im Überweisungszentrum
Die erfolgreiche Behandlung einer Kreuzbanderkrankung erfordert mehr als die Durchführung eines standardisierten Operationsverfahrens. Entscheidend sind die exakte Diagnostik, die individuelle biomechanische Planung, die Beurteilung von Meniskus und Gelenkknorpel sowie eine verlässliche postoperative Begleitung.
Wir stimmen Diagnostik, Therapie und Nachsorge eng mit den überweisenden Tierärztinnen und Tierärzten ab. Vorbefunde und Röntgenaufnahmen können bereits vor dem Untersuchungstermin übermittelt werden.
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